, Kunz Guido

Jubiläumsklänge zum eigenen Geburtstag

Die diesjährigen Jahreskonzerte der Stadtmusik läuteten das Jubiläumsjahr anlässlich ihres 150-jährigen Bestehens ein. Es versprach, ein heisser Abend zu werden.

Passend zu den Festivitäten eröffneten prägnante Fanfaren der Trompeten- und Hornregister das Jubiläums-Konzert der Stadtmusik Huttwil. Die Wahl fällt auf die Komposition «A Salute from Lucerne» des Schweizer Komponisten und Musikers Christoph Walter. Silvia Staub, welche gekonnt durch den Abend führte, erläuterte, dass das Programm des Abends vor allem aus Werken der vergangenen Jahre bestehe. So auch das eben erst vorgetragene Stück, welches eine Auftragskomposition anlässlich des Eidgenössischen Musikfestes 2006 in Luzern war. Das Publikum erfuhr auch, dass die Stadtmusik bis zum Bau der Eisenbahnlinie während den ersten 20 Jahren sich noch Musikgesellschaft nannte und ihr Dirigent 1918 an der Spanischen Grippe verstarb. Ein weiteres Highlight war der in den Niederlanden stattgefundene Viertagesmarsch Mitte Juli. Ursprünglich als militärischer Anlass organisiert, wird er heute mit rund 46 000 zivilen Teilnehmenden durchgeführt. Auch die Stadtmusik Huttwil war 1965 und 2007 dabei. Im Gedenken an diese Anlässe hörte das Publikum den von H.A. van Mechelen komponierten Marsch «De Vierdaagse».

Solisten aus den eigenen Reihen
Während der vergangenen Jahre war es immer möglich, Solistinnen und Solisten aus den eigenen Reihen zu stellen, so auch am Jubiläumskonzert. Bereits 2003 hat Christian Staub als Solist auf dem Euphonium das Stück «La Belle Américaine» von John Hartmann gespielt. In den letzten 22 Jahren hat er offensichtlich nichts von seiner spielerischen Freude eingebüsst. Das Werk wird souverän vorgetragen, rhythmisch anspruchsvolle Passagen meistert er mit Leichtigkeit und gemeinsam mit dem Dirigenten wurde das Orchester gekonnt geführt. Die Konzerte 2015 standen unter dem Motto «Sex and Crime», aus dem das folgende Werk «Crime Time» stammt. Mit den Titelmelodien aus den Serien «Tatort», «Derrick» und «Ein Fall für zwei» weckt die Stadtmusik alte Erinnerungen an längst vergessene Fernsehabende. Noch während des Vortrags erscheint Silvia Staub mit einem Sopransaxophon, doch niemand aus dem Saxophonregister wollte dieses übernehmen. Kurzerhand ergriff Dirigent Michael Wyss die Gelegenheit und spielte ein überzeugendes Solo, währenddessen die Musikerinnen und Musiker ihn souverän begleiteten. Als Gruppe solierte das Trompetenregister mit Felix Grossenbacher, Johann Kervarec, Urs Nyffeler, Corinne Frauenfelder und Martin Nyffeler. Sie spielten das in den USA zum Standard avancierte «Bugler’s Holiday» von Leroy Anderson. Ein typisches Anderson-Stück, welches die Solisten in ihren technischen und musikalischen Fertigkeiten zwar fordert, aber nicht überfordert. Die fünf Solisten vollführten eine klare Artikulation und hervorragende Intonation, wiederum subtil unterstützt durch das Orchester. Vor dem letzten Stück des ersten Konzertteils informierte Präsident Martin Sägesser, dass die Heizung an der ersten Generalprobe und am ersten Konzert nicht optimal eingestellt war und es deshalb heute umso wärmer sein darf. Ebenso bedankt er sich bei dem 300 Personen zählenden Publikum, womit der Saal an dem Abend ausverkauft sei. Er verwies auch auf die Jubiläumsschrift, welche von Jürg Rettenmund verfasst und am Festakt im August vorgestellt wird. Anlässlich des Jubiläums hat sich der Verein Gedanken zu ihrer Uniform gemacht, da er aktuell mit zwei verschiedenen Bekleidungen unterwegs ist: der Historischen Uniform von 1964 und dem Konzertanzug von 2007. Die Mitglieder der Stadtmusik haben sich dazu entschieden, beide Tenues zu behalten und mittels Auffrischung eine Vereinfachung anzustreben. Dafür ist eine einheitliche Hose vorgesehen, welche zu beiden Uniformen getragen werden kann, ein neues Einheitshemd für beide Uniformen sowie eine Einheitskrawatte für sämtliche Mitglieder. Den Abschluss des ersten Konzertteils bildet der Marsch «Huttwil 1999», welcher anlässlich des damals in Huttwil stattfindenden Bernisch-Kantonalen Musikfests komponiert wurde.

Reise in die Vergangenheit
Der Start in den zweiten Konzertteil gestaltete sich mit dem Disco-Stück «In the Stone» als rhythmisch anspruchsvoll aufgrund der ausgeprägten Polyrhythmik. Dank des klar führenden Schlagzeugs gelangen die Einwürfe der Bläser souverän. «Noah’s Ark», Noah’s Arche, hat in gewisser Weise eine doppelte Bedeutung für die Musizierenden auf der Bühne: Einerseits war dies das Selbstwahlstück der Huttwiler anlässlich des Eidgenössischen Musikfestes in Luzern, andererseits hat Michael Wyss dieses Stück für sein Probedirigat in Huttwil gewählt, quasi das Thema seines Bewerbungsgesprächs. Die einzelnen Teile des Werks haben die Stadtmusikanten und Stadtmusikantinnen mit gekonnter Musikalität ausgearbeitet. Der getragene Einstieg mit der Nachricht des bevorstehenden Ereignisses an Noah wird mit optimalem Klangausgleich aufgeführt. Beim Marsch der Tiere sieht man alle Arten von Tieren vor dem geistigen Auge vorbeigehen oder -fliegen. Der Sturm flösst einem Angst ein und das Publikum ist froh, als alle Lebewesen die Arche wieder verlassen dürfen.

Tragik und Tango nah beieinander
Wie das Publikum von Silvia Staub erfahren durfte, ist Michael Wyss erst der zehnte Dirigent der Stadtmusik Huttwil. Es sei ihm eine Ehre, die Stadtmusik dirigieren zu dürfen, erklärte er. Im nächsten Stück tat er dies mit einem Lied, welches er schon früh von seinen Eltern kennengelernt habe und ihn seit seiner Kindheit begleite: «S isch äbe-n-e Mönsch uf Ärde». Die ganze Tragik und Schönheit der Sage bringt er mit den Musikantinnen und Musikanten eindrücklich zum Klingen. Ein wenig beschwingter geht es mit Astor Piazzollas «Street Tango» weiter. Nebst dem subtilen Spiel und der Ausarbeitung der verschiedenen Themen wurden die kammermusikalischen Teile von der Stadtmusik überzeugend vorgetragen. Johann Strauss war weder der Stadtmusik noch dem Publikum ein Unbekannter. Bis 2018 waren Kompositionen dieses Komponisten fester Bestandteil der bis dann stattfindenden Neujahrskonzerte. Aufgrund des immer weniger werdenden Publikums entschied man sich, die Jahreskonzerte zukünftig immer im Februar durchzuführen. Umso angenehmer, dass «Unter Donner und Blitz» zu hören war, eines der meistgespielten Strauss-Werke, welches kultiviert und mit bestechender Klarheit zu hören war. Mit seinem grossen Applaus bedankte sich das Publikum für ein kurzweiliges Konzert. Die Stadtmusik bedankte sich in seiner ersten Zugabe mit der sehr gefühlvoll vorgetragenen Polka «Zeitlos» von Martin Scharnagl. Den definitiven Abschluss bildet das Stück «El Cumbanchero» – ein heisser Abschluss in einem heissen Saal.

Schon als Kind das Dirigieren geübt
Michael Wyss kam schon früh mit der Musik in Kontakt. Er spielte in der Kadettenmusik Burgdorf und studierte Musik an der Berner Hochschule der Künste. Das Dirigieren lernte er als Musikoffizier im Militär. Seit diesem Jahr dirigiert er die Stadtmusik Huttwil. Nach mehreren erfolgreichen Jahren hatte letztes Jahr Dirigent Urs Heri bei der Stadtmusik Huttwil den Taktstock niedergelegt. In einem Wahlverfahren haben die Mitglieder der Stadtmusik den jungen Burgdorfer Musiker Michael Wyss als dessen Nachfolger auserkoren. Kaum gewählt, oblag es dem neuen Dirigenten mit der Musikkommission die Auswahl der Stücke zu treffen, welche an den beiden Jubiläumskonzerten vom 8. und 15. Februar vorgetragen werden sollten. «Der Einstieg war zwar intensiv, mir war es aber wichtig, die Musikerinnen und Musiker ab-zuholen und eine konstruktive Probenatmosphäre zu schaffen», erklärt Michael Wyss. Aufgrund des gemeinsamen Ziels habe man sich schnell zusammengefunden.

Sein Ziel war es, Musiker zu werden
Michael Wyss bringt viele musikalische Fertigkeiten mit, die ihn für die Arbeit mit einem Verein wie der Stadtmusik auszeichnen. Familiär war er schon von Kindsbeinen an mit Musik in Kontakt, bereits sein Urgrossvater war in der Blasmusikszene aktiv. Als Kind übte er bereits vor dem Spiegel das Dirigieren. Später trat er der Kadettenmusik Burgdorf bei und entschied sich für das Saxofon aufgrund dessen Vielseitigkeit. Nach einem Auslandjahr in den USA als 16-Jähriger, stand sein Entschluss fest, Musiker zu werden. Er studierte in Bern an der Hochschule der Künste und liess sich im Militär als Musikoffizier zum Dirigenten ausbilden. «Die Freude an der Musik steht im Mittelpunkt – sie soll als etwas Lebendiges erlebt werden», so Michael Wyss. Er möchte es vermeiden, eine Fehlerkultur zu fördern und legt Wert auf die Erkennung und Förderung von Potenzialen. Dabei möchte er Emotionen wecken, die Musik soll erlebt und gefühlt werden. Langweilig wird es Michael Wyss im Jubiläumsjahr auf jeden Fall nicht werden. Nebst seiner Tätigkeit bei der Stadtmusik Huttwil unterrichtet er weiterhin Saxofon an der Regionalen Musikschule Burgdorf, zwei Vor-mit-tage die Woche das Fach Musik an einer Volksschule und dirigiert die Musikgesellschaft Allmendingen/Thun. Ausserdem freut er sich auf seine bevorstehende Hochzeit.